Work Ability Index (WAI)

Es hat sich mittlerweile herumgesprochen: Die demographische Entwicklung sorgt dafür, dass wir in naher Zukunft weniger und im Durchschnitt älter sein werden. Verantwortlich dafür sind die weiter steigende Lebenserwartung sowie eine niedrige Geburtenrate. Diese Entwicklung stellt Politik, Wirtschaft und Gesellschaft vor große Herausforderungen. Denn mit der „ergrauenden Gesellschaft“ ist auch ein durchschnittlich älteres Erwerbspersonenpotenzial verbunden. Die unausweichliche Folge: Das Durchschnittsalter der Belegschaften in den Betrieben wird künftig noch stärker als bisher ansteigen. Wie steht es also demnächst mit der Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit in Deutschland, wenn in den kommenden Jahren immer mehr ältere Erwerbstätige am Computer sitzen und an der Werkbank stehen? Können diese dann tatsächlich bis zur Rente mit 67 arbeiten, wo doch schon heute viele das 60. Lebensjahr nicht am Arbeitsplatz, sondern gesundheitsbedingt in Frührente erleben? Bleibt der Wirtschaftsstandort Deutschland auch mit älteren Beschäftigten innovations- und wettbewerbsfähig? 


Im Fokus: die Arbeitsfähigkeit

Wenn in Deutschland und anderswo beim Thema Arbeitsfähigkeit von ›finnischen Erfahrungen‹ die Rede ist, sind damit in erster Linie die Forschungsergebnisse des Finnischen Instituts für Arbeitsmedizin (FIOH) in Helsinki gemeint. Prof. Juhani Ilmarinen, bis 2009 Leiter der Abteilung für Arbeitsphysiologie an diesem Institut, beschäftigte sich seit den 1980er Jahren gemeinsam mit einem interdisziplinär zusammengesetzten Team mit der Frage, wie die Potenziale von Beschäftigten so erhalten und entwickelt werden können, dass diese einerseits den Betrieben möglichst lange zur Verfügung stehen, andererseits die Beschäftigten möglichst gesund das Rentenalter erreichen. 

Von zentraler Bedeutung ist für Ilmarinen dabei der Begriff der Arbeitsfähigkeit, der von Personalverantwortlichen und Ärzten, aber auch von den Betroffenen selbst oft sehr eng ausgelegt wird: Entweder jemand schafft "seine" Arbeit – oder eben nicht. Die Arbeit selbst wird dabei nur selten hinterfragt, ebenso die mit ihr verbundenen Anforderungen oder die Bedingungen, unter denen sie ausgeführt werden muss. Gerade ältere Beschäftigte kommen bei einer solchen Betrachtung nicht selten ›unter die Räder‹: Wer im Alter aufgrund nachlassender Körperkräfte z. B. weniger gut heben und tragen kann, läuft Gefahr, bei nächster Gelegenheit als nicht mehr arbeitsfähig eingestuft zu werden. Was dabei verkannt wird: Eine mögliche Einschränkung der beruflichen Leistungsfähigkeit von Älteren bezieht sich in der Regel auf ganz bestimmte Tätigkeiten und ist damit relativ, selten absolut. Nichts anderes meint Ilmarinen in seiner Definition von Arbeitsfähigkeit. 

Der Work Ability Index 

Bei diesem Instrument handelt es sich im Kern um einen Fragebogen, der von den Beschäftigen selbst oder gemeinsam mit einer dritten Person, z. B. dem Arbeitspsychologen, bearbeitet wird. Im deutschsprachigen Raum wird der WAI auch als Arbeitsfähigkeitsindex bezeichnet. Er besteht aus 10 Fragen und einer Diagnoseliste, die in 7 sogenannten WAI-Dimensionen zusammengefasst werden.

 

WAI 1

Derzeitige Arbeitsfähigkeit im Vergleich zu der besten je erreichten Arbeitsfähigkeit
Wenn Sie Ihre beste je erreichte Arbeitsfähigkeit mit 10 Punkten bewerten:
Wie viele Punkte würden Sie dann für Ihre derzeitige Arbeitsfähigkeit geben?

WAI 2

Arbeitsfähigkeit in Relation zu den Arbeitsanforderungen
Wie schätzen Sie Ihre derzeitige Arbeitsfähigkeit in Relation zu den körperlichen
Arbeitsanforderungen ein?
Wie schätzen Sie Ihre derzeitige Arbeitsfähigkeit in Relation zu den psychischen
Arbeitsanforderungen ein?

WAI 3

Anzahl der aktuellen vom Arzt diagnostizierten Krankheiten
(Langversion = 50, Kurzversion = 13 Krankheiten/Krankheitsgruppen)

WAI 4

Geschätzte Beeinträchtigung der Arbeitsleistung durch die Krankheiten
Behindert Sie derzeit eine Erkrankung oder Verletzung bei der Arbeit?

WAI 5

Krankenstand im vergangenen Jahr
(Anzahl Tage)

WAI 6

Einschätzung der eigenen Arbeitsfähigkeit in zwei Jahren
Glauben Sie, dass Sie, ausgehend von Ihrem jetzigen Gesundheitszustand,
Ihre derzeitige Arbeit auch in den nächsten zwei Jahren ausüben können?

WAI 7

Psychische Leistungsreserven
Haben Sie in der letzten Zeit Ihre täglichen Aufgaben mit Freude er ledigt?
Waren Sie in letzter Zeit aktiv und rege? 

Waren Sie in der letzten Zeit zuversichtlich, was die Zukunft betrifft?

Jede Antwort ist mit einem Punktwert verbunden,im Resultat ergibt sich ein WAI-Wert, der zwischen 7 und 49 Punkten liegen kann. Der so ermittelte Wert zeigt zum einen, wie hoch die eigene Arbeitsfähigkeit eingeschätzt wird, zum anderen lassen sich Ziele von einzuleitenden Maßnahmen ableiten:

Punkte

Arbeitsfähigkeit

Ziel von Maßnahmen

  7-27

gering

Arbeitsfähigkeit wiederherstellen

28-36

mäßig

Arbeitsfähigkeit verbessern

37-43

gut

Arbeitsfähigkeit unterstützen

44-49

sehr gut

Arbeitsfähigkeit erhalten

Die Vorteile des WAI in aller Kürze

Die Arbeitsfähigkeit der vorhandenen Belegschaften ist vor dem Hintergrund eines künftig schrumpfenden Erwerbspersonenpotenzials eine Ressource, die über Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens entscheiden kann. Entsprechend gilt es, achtsam und nachhaltig mit ihr umzugehen. Der WAI kann dabei in der betriebsärztlichen Praxis gleich mehrere Rollen spielen:

  • Als Dialoginstrument kann der WAI helfen, das betriebsärztliche Gespräch im Rahmen der betriebsärztlichen Untersuchungen sinnvoll zu strukturieren.
  • Die Ergebnisse einer WAI-Erhebung können bei den Beschäftigten Denkprozesse auslösen und Veränderungswünsche initiieren.
  • Die WAI-Erhebung kann der Ausgangspunkt für Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeitsfähigkeit sein.
  • Mit Hilfe des WAI lässt sich der Erfolg bzw. die Wirksamkeit von eingeleiteten Maßnahmen sowohl auf individueller wie kollektiver Ebene messen und bewerten.